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Zwischengeschlechtliche Kommunikationsprobleme


Hausarbeit für das Seminar Sprache 2 an der Kunsthochschule Offenbach bei Prof. Heckmann

Doris Burghardt, Sommersemester 1995

 

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Mit der Erziehung fing alles an...
Andere Welten im Gesprächsverhalten zwischen Männern und Frauen
Kommunikationsprobleme im privaten Bereich
Das öffentliche Sprechen
Schlußbetrachtung
Literaturverzeichnis

 

Einführung

In meinem Reisepass steht: "Der Inhaber dieses Ausweises ist Deutscher". Was fange ich als Inhaberin damit an? Ein Beispiel für "männliche" Sprache, bei dem Frauen sich mitgemeint fühlen sollen. Ebenso wie bei Formulierungen wie "die Bürger", "die Kunden", "die Studenten"... . Weibliche Formen kommen in der deutschen Sprache kaum vor. Auch mir schien es erst übertrieben, als ich zum ersten mal das "Splitting" hörte, wie BürgerInnen, KundInnen, StudentInnen, oder, wenn das Wörtchen "man" durch "frau" ersetzt wurde. Es ist umständlich und überhaupt nicht lyrisch. Und schließlich sind die Frauen doch auch mitgemeint. Allerdings bei genaueren Hinsehen entstehen Zweifel darüber, ob wir wirklich immer mitgemeint sind. Manche Formulierungen, wie "Abends festlicher Empfang für alle Teilnehmer und ihre Frauen", wie sie bei Einladungen und Kongressen immer noch üblich sind, entlarven sich selbst.

Es ist nicht nur die sprachliche Formulierung, die die Hälfte der Bevölkerung ausschließt, sondern das Gleiche passiert in unseren Köpfen. Sprache schafft Realitäten, und wenn mehr Frauen sprachlich präsent wären, hätten wir auch alle weniger Schwierigkeiten bei der Vorstellung von Managerinnen, Politikerinnen, Pilotinnen, Professorinnen. Weiterführend denke ich, dass das dadurch entstehende Ungleichgewicht in der Selbstwertschätzung von Männern und Frauen eine Ursache ist für Kommunikationsprobleme zwischen den Geschlechtern, sowohl im öffentlichen, wie auch im privaten Bereich. Mir geht es nicht darum, Klischees zu verfestigen: "Männer sind so - Frauen sind so", aber erst durch die Auseinandersetzung mit diesem Thema gelingt es, die Ursachen für das unterschiedliche Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen zu erkennen.

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Mit der Erziehung fing alles an...

Diese Aussage, dass Mädchen und Jungen in verschiedenen Welten aufwachsen, ist zwar etwas verwunderlich, da gerade Geschwister im gleichen Umfeld zusammenleben. Dennoch wird mit Mädchen und Jungen anders gesprochen und erwartet, dass sie verschiedene Antworten geben. Dazu kommt, dass Mädchen und Jungen den größten Teil ihren Freizeit in gleichgeschlechtlichen Spielgruppen verbringen.

Geschlechtsspezifisch unterschiedliche Sprechweisen sind von WissenschaftlerInnen schon bei dreijährigen Kinder Nachgewiesen worden. Amy Sheldon hat Mädchen- und Jungengruppen im Alter von 3-4 Jahren in ihrer Kindertagesstätte gefilmt. Beide Dreiergruppen stritten gerade um eine Plastikgurke. Sheldon wies sehr unterschiedliche Strategien der Konfliktlösung nach. Bei den Mädchen ging es darum, den Konflikt abzuschwächen und Harmonie zu waren. Es wurde sogar der Vorschlag gemacht die Gurke auseinander zu schneiden. Bei den Jungen endete die "Konfliktlösung" in einer Balgerei. Hier ging es auch eher um dem Besitz der Gurke, während es bei den Mädchen um das Recht ging, sie zu schneiden und an andere Kinder "mütterlich" verteilen zu dürfen.

Andere Untersuchungen zeigen, dass Jungen eher in größeren, hierarchisch strukturierten Gruppen zusammen spielen. Die Gruppen haben einen Anführer, der kommandiert und Vorschläge anderer Jungen ablehnt. Durch die Verteilung von Anweisungen und ihrer Durchsetzung wird hier ein Status ausgehandelt. Geschichten und Witze zu erzählen, bzw. die Geschichten und Witze anderer schlecht zu machen, bedeutet eine andere Form der Statusgewinnung. Die Spiele der Jungen haben meistens Gewinner und Verlierer.

Jungen prahlen oft mit ihren Fähigkeiten und streiten, wer der Beste ist. Mädchen dagegen spielen meistens in kleineren Gruppen, oder zu zweit. Im Mittelpunkt des sozialen Lebens steht die beste Freundin. Bei den Spielen der Mädchen gibt es häufig keine Gewinnerin oder Verliererin.

Wenn manche Mädchen in bestimmten Dingen kompetenter sind als andere, wird erwartet, nicht mit ihren Fähigkeiten zu prahlen. Wenn Mädchen es doch tun, werden sie meistens aus der Gruppe ausgeschlossen. Die Intimität ist bei Mädchenfreundschaften von zentraler Bedeutung, und deshalb sind die Mädchen eher versucht, Gemeinsamkeiten zu schaffen. Nach einer Forschungsarbeit von Donna Eder an einer Junior High-School werden "beliebte" Mädchen nicht besonders gemocht: Auch unter Mädchen gibt es Statusunterschiede. Allerdings ist das wichtigste Gut in Mädchengemeinschaften Nähe und Verbundenheit. Deshalb sind Mädchenfreundschaften zahlenmäßig begrenzt und ein beliebtes Mädchen muss Freundschaftsangebote häufig ausschlagen; deshalb gilt sie als hochnäsig.

Bei Jungenfreundschaften ist der Status des einzelnen in einer hierarchischen Ordnung von höherer Bedeutung als die Bindung. Ihre Freundschaft besteht eher aus hierarchisch verschieden eingestuften Mitgliedern, Bewunderung des einen, samariterliches Herablassen des anderen.

Bereits hier werden Jungen auf das späteres Berufsleben vorbereitet. Von ihnen wird erwartet, sich alleine durchzusetzen, ihre Interessen durch den Gebrauch strikterer Sprache zu vertreten. Mädchen hingegen werden auf ihre spätere Familienwelt vorbereitet. Harmonie als höchstes Ziel, verbindende Sprache, abschwächen der eigenen Interessen weisen WissenschaftlerInnen schon im Sprachverhalten dreijähriger Mädchen nach. Die Psychologin Jaqueline Sachs hat bei ihren Beobachtungen von Vorschulkindern im Alter von zwei bis fünf Jahren herausgefunden, dass Mädchen die Tendenz haben ihre Vorschläge mit Formulierungen wie "Laßt uns...", "Wollen wir nicht..." einzuleiten, während Jungen sich häufig Befehle erteilen. 

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Andere Welten im Gesprächsverhalten zwischen Männern und Frauen

Kommunikationsprobleme im privaten Bereich

Während beide Gesprächsstile, sowohl die Männersprache, als auch die Frauensprache, im Rahmen ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten funktionieren, gibt es häufig Probleme, wenn die beiden sprachlichen Welten aufeinander treffen. Die Linguistin Deborah Tannen bezeichnet dieses zusammentreffen als "interkulturelle Kommunikation".

Es ist sicher nicht einfach, die Unterschiede im Gesprächsverhalten zwischen Männern und Frauen konkret darzustellen. Es gibt sehr viele verschiedene Bereiche, in denen das andere Kommunikationsverhalten der andersgeschlechtlichen KommunikationspartnerInnen verwirrt und frustriert. Allerdings ist es fraglich, warum wir so wütend werden, wenn unsere Mitmenschen, besonders die PartnerInnen, nicht in der Weise reagieren, wie wir es von ihnen erwarten.

Deborah Tannen sieht die unterschiedlichen Weltbilder von Männern und Frauen als Ursache dafür: "Wir glauben, wir wüßten wie die Welt funktioniert, und wir schauen auf andere, damit sie uns unsere Überzeugungen bestätigen. Wenn wir merken, dass andere sich so verhalten, als ob sie in einer ganz anderen Welt lebten, sind wir zutiefst erschüttert. In unseren engsten Beziehungen wollen wir Anerkennung und Bestätigung finden. Wenn die Menschen, die uns am nächsten stehen, ganz anders reagieren als wir, wenn es scheint, als sähen sie dieselbe Szene als Akt eines anderen Dramas, wenn sie Dinge sagen, die wir unter den selben Umständen nicht im Traum gesagt hätten, scheint der Boden unter unseren Füßen ins wanken zu geraten, und wir haben plötzlich keinen festen Halt mehr." Tannen unterscheidet die Ziele, die Männer und Frauen mit ihrer Kommunikationsweise verfolgen, in "Intimität" bei Frauen und "Unabhängigkeit" bei Männern. Diese Ziele sind, wie oben beschrieben, schon in der frühsten Kindheit festgelegt worden und deshalb wohl sehr schwer zu ändern.

So ist, nach Tannen, in der bindungsorientierten Frauensprache Intimität der Schlüssel zu einer Beziehungswelt, wo Individuen über komplexe Netzwerke von Freundschaften verhandeln, Unterschiede minimieren, nach Übereinstimmung streben und den Anschein von Überlegenheit, der Unterschiede betonen würde, vermeiden wollen. In der statusorientierten Männersprache dagegen ist Unabhängigkeit der Schlüssel, denn Befehle zu erteilen ist ein primäres Mittel der Statusbegründung und die Entgegennahme von Befehlen ein Merkmal von niedrigem Status. Obwohl alle Menschen ein Bedürfnis sowohl nach Intimität wie auch nach Unabhängigkeit haben, sind Frauen eher auf ersteres, Männer auf letzteres fixiert. So tritt bei Männern häufig ein Frühwarnsystem in Kraft, sobald sie sich von Frauen bevormundet fühlen. Vorschläge von Frauen, die mit "Wollen wir nicht", "Lasst uns" eingeleitet werden, werden von Männern häufig als Befehl aufgefasst, sie fühlen sich in ihrer Freiheit und Unabhängigkeit eingeschränkt.

Die Frau ist verwirrt und überrascht, da sie mit ihrer Einleitung versucht hatte, den Partner einzubeziehen, und einen Vorschlag machen wollte, keinen Befehl erteilen.

Das weibliche Frühwarnsystem wird eher in umgekehrten Fällen aktiviert: Häufig ersetzen Männer die verbindenden, eher weiblichen Einleitungen, durch direktes Kundtun ihrer Vorhaben. "Ich mache jetzt...", was wohl häufig die Frage "Machst Du mit?" impliziert. Frauen fühlen sich dadurch oft ausgegrenzt.

Ein ebenso häufiges Problem sind Kommunikationsschwierigkeiten in der Partnerschaft: Der schweigende Mann, die plappernde Frau. Für Frauen ist es oft eine wichtige Art der Beziehungsfestigung, sich mit ihren Partnern über die wichtigen und unwichtigen Alltagsbegebenheiten zu unterhalten. Sie wollen von sich erzählen, und Zutritt gewährt bekommen zum Alltag ihrer Partner, durch die Mitteilung ihrer Tagesereignisse und der damit verbundenen Gefühle. Die private Schweigsamkeit ihrer Partner ist für sie eine Enttäuschung.

Umgekehrt ist es für die Männer oft eine Übertretung ihrer Privatsphäre wenn Frauen zuviel "bohren". Sie wollen die banalen Tageserlebnisse für sich behalten und sich damit ein Gefühl der Unabhängigkeit bewahren.

Für sie geht es nicht um Beziehungsfestigung. Die Intimität der Beziehung steht für sie außer Frage durch die bloße Anwesenheit ihrer Partnerin. Sie bevorzugen zumeist das "öffentliche" Sprechen. Für sie ist die Darbietung von Anekdoten, Witzen, die Mitteilung ihrer Fähigkeiten und ihres Wissens in größeren Gruppen oft ein Mittel zur Bewahrung von Unabhängigkeit und der Statusaushandlungen.

Da sie diese Kommunikationsform seit frühster Kindheit gelernt haben, benutzen sie sie manchmal sogar im privaten Bereich. Für die Frauen ist dies dann eine weitere Frustration. Sie akzeptieren die Sprache der Partner nicht als den ihnen eigenen Gesprächsstil, sondern empfinden diese Art zu reden als Berichterstattung, dozieren, monologisieren. Sie empfinden es so, als redeten ihre Partner nicht mit ihnen, sondern über sie hinweg.

Ein Beispiel von B. Tannen für Kommunikationsprobleme zwischen Männern und Frauen, das die Hauptschwierigkeiten zeigt, möchte ich an dieser Stelle zitieren. Das Gespräch findet während einer Autofahrt statt:

" Die Frau fragt: "Würdest Du gern irgendwo anhalten, um was zu trinken?" Ihr Mann hatte wahrheitsgemäß mit "Nein" geantwortet und nicht angehalten. Frustriert musste er später feststellen, dass seine Frau verärgert war, weil sie gerne irgendwo Rast gemacht hätte."

Frauen neigen dazu, ihre Wünsche nicht konkret auszudrücken, sondern bringen stattdessen einen Ansatz, um auszuhandeln was allen Beteiligten gefallen könnte. Sie sind es gewohnt, die Interessen des Partners einzubeziehen, die Formulierung offen zu halten für gemeinsame Entscheidungen. Diese Art zu formulieren fordert allerdings die Sensibilität des Partners. Da Männer ihre Bedürfnisse meist sehr viel direkter und ausschließlicher kundtun (der Mann hätte vielleicht gesagt: "Ich möchte eine Kaffeepause machen!"), sind sie nicht in der Lage die Metamitteilung in der Aussage der Frau zu verstehen. Als der Mann im Beispiel festgestellt hatte, dass seine Frau verärgert war, war er frustriert, dass sie nicht einfach gesagt hatte, was sie wollte. Er empfindet diese Art als Spielchen spielen.

Für die Frau dagegen stellte sich die Situation so dar, dass sie Interesse für die Bedürfnisse ihres Mannes gezeigt hatte, während er die ihren ignoriert hatte. Sie war nicht deshalb verärgert, weil sie ihren Willen nicht bekommen hatte, sondern weil er sich, wie sie es empfand, nicht dafür interessiert hatte, was sie gerne gemacht hätte.


Das öffentliche Sprechen

Es ist leider noch immer so, dass für Frauen in gehobenen Stellungen kein Platz zu sein scheint. Der Frauenanteil in der Machtpyramide sinkt nach oben hin rapide ab. Der Soziologe Ulrich Beck macht das Industriesystem selbst dafür verantwortlich:

"Die mit dem Industriesystem selbst entstehenden Klassengegensätze sind sozusagen "immanent modern", in der industriellen Produktionsweise selbst begründet. Die Gegensätze zwischen den Geschlechtern beugen sich weder dem Schema moderner Klassengegensätze, noch sind sie bloß traditionelles Relikt. Sie sind ein Drittes. Sie sind ebenso wie die Gegensätze von Kapital und Arbeit Produkt und Grundlage des Industriesystems, und zwar in dem Sinne, da Erwerbsarbeit Hausarbeit voraussetzt und die Sphären und Formen von Produktion und Familie im 19. Jahrhundert getrennt und geschaffen werden. Gleichzeitig beruhen die so entstehenden Lagen von Männern und Frauen auf Zuweisung qua Geburt. ... Diese ständigen "Geschlechtsschicksale" werden gemildert, aufgehoben, verschärft und verschleiert durch die ihnen auch aufgegebene Liebe. Liebe macht blind. Da Liebe bei aller Not auch als Ausweg aus der Not, die sie selbst schafft, erscheint, darf die Ungleichheit, die ist, nicht sein. Sie ist aber, und lässt die Liebe schal und kalt werden."

Dieser von Geburt an für Frauen vorgesehene niedrigere Status schwirrt noch in unser aller Köpfen herum. Deborah Tannen berichtet von einem Versuch an einer amerikanischen Universität: An die Studentinnen und Studenten wurden identische Texte ausgeteilt, die sich nur dadurch voneinander unterschieden, dass bei der einen Hälfte eine Frau als Autorin, bei der anderen Hälfte ein Mann als angeblicher Autor angegeben war. Der Text, der angeblich von einer Frau geschrieben worden war, wurde durchweg von Studenten wie auch von Studentinnen als schlechter bewertet. Die Meinung hält sich weiter, dass von Frauen nur irrelevantes Geschwätz kommen kann.

Ein altes Sprichwort sagt: "Frauen die reden und Hühner die krähen, sollte man beizeiten die Hälse umdrehen". Nach Meinung der meisten Menschen reden Frauen zuviel. Dennoch folgt Studie auf Studie die belegt, dass Männer mehr reden als Frauen. Dies gilt vor allem für das öffentliche Reden. Die Psychologin H. M. Leet-Pellegrini untersuchte, ob Geschlecht oder Sachkenntnis ausschlaggebend ist, wer sich in Gesprächen dominant verhält. Sie stellte gleichgeschlechtliche und gemischte Zweiergruppen zusammen und bat die Beteiligten zu diskutieren, wie sich Gewalt im Fernsehen auf Kinder auswirke. In einigen Fällen machte sie einen oder eine der PartnerInnen fachkundig, indem sie vor Aufzeichnung des Gespräches über wichtige Fakten informierte. So könnte man/frau annehmen, dass die fachkundigeren GesprächsteilnehmerInnen länger redeten, häufiger unterbrachen und weniger Zeit darauf verwandten, die weniger gut informierten GesprächsteilnehmerInnen zu unterstützen.

Tatsächlich war es so, dass die besser informierten GesprächsteilnehmerInnen mehr redeten als die anderen. Allerdings redeten die fachkundigeren Männer mehr als die fachkundigeren Frauen. Auch was das unterstützende Gesprächsverhalten angeht, hatte das Sachwissen einen unterschiedlichen Effekt bei Männern und Frauen. Leet-Pellegrini ging davon aus, dass diejenigen, die über keine Sachkenntnis verfügten, mehr Zeit darauf verwenden würden, den informierteren GesprächsteilnehmerInnen Zustimmung und Unterstützung zu zeigen. Dies war auch so, außer in den Fällen, wo eine Frau die informiertere Gesprächspartnerin war. In dieser Konstellation zeigten die informierteren Frauen weit mehr Unterstützung, als ihre schlechter informierten männlichen Gesprächspartner.

Die Frauen setzten im Gegensatz zu den Männern ihr Wissen nicht als Machtmittel ein, sondern versuchten im Gegenteil, es herunterzuspielen und durch extrem zustimmendes Verhalten auszugleichen. Für Frauen ist Wissen anscheinend etwas, was sie verbergen müssen. Es erschwert das Schaffen von Gemeinsamkeiten und stellt sie über ihre weniger informierten GesprächspartnerInnen. Dazu kommt, dass es den Frauen häufig an Selbstbewußtsein mangelt, ihr Wissen, bzw. ihre Meinung als vollwertig anzusehen, und auch aus diesem Grund spielen sie ihr Wissen herunter.

Im allgemeinen ist es so, dass Frauen ihre männlichen Gesprächspartner das Thema einer Diskussion bestimmen lassen und ihnen mehr Redezeit gestatten, als sie für sich selbst in Anspruch nehmen. Zusätzlich unterstützen Frauen ihre Gesprächspartner durch unterstützende "Minimalreaktionen" (z. B. mmh, ja, Kopfnicken). Bei Männern sind diese Minimalreaktionen bedeutend seltener. In einer Diskussion zwischen zwei Frauen und einem Mann wurden 150 dieser Minimalreaktionen gezählt. Davon erhielt 75 der Mann als Sprecher, von dem allerdings nur 3 kamen, als eine Frau das Wort hatte.

Diesen unterstützenden Gesprächsstil bezeichnet die Linguistin Senta Trömmel-Plötz in ihrem Buch "Frauensprache" als "konversationelle Deckarbeit". Männer fühlen sich im Gegensatz zu Frauen oft wohl, wenn sie in größeren Gruppen oder unter fremden Personen das Wort ergreifen. Hier dient der sprachliche Akt meist der Selbstdarstellung, als Teil eines Gesamtverhaltens nach dem viele Männer das Leben als Wettstreit begreifen.

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Schlußbetrachtung

Es gibt für Männer ein Sensibilisierungstraining, das sie nach weiblichen Maßstäben bewertet und versucht, sie dazu zu bringen, eher zu reden wie Frauen. Umgekehrt gibt es für Frauen ein Selbstbehauptungstraining, das sie nach männlichen Maßstäben bewertet und versucht, sie dazu zu bringen, eher zu reden wie Männer. Allerdings ist die Frage, ob geschlechtsspezifische Sprache verändert werden kann. Dazu kommt die Schwierigkeit der gesellschaftlichen Akzeptanz: Männer mit Frauensprache werden als zu weich beurteilt, während Frauen, die Männersprache sprechen als aggressiv beurteilt werden.

Können und wollen also Menschen ihren Gesprächsstil ändern? Können sie ein Verhalten, das sie in der frühesten Kindheit erlernt haben, revidieren? Ich halte das für unwahrscheinlich, vor allem weil wohl Frauen wie auch Männer oft nur den eigenen Gesprächsstil für richtig halten. Allerdings, auch wenn der eigene Gesprächsstil nicht verändert werden kann, wird das Verstehen der unterschiedlichen Kommunikationsformen die Beziehung verbessern. Wenn Menschen sich erst einmal bewußt geworden sind, dass ihre PartnerInnen einen anderen Gesprächsstil haben, sind sie eher bereit Unterschiede zu akzeptieren, ohne sich, ihrem Partner, oder der Beziehung die Schuld zu geben.

Viel schwerwiegender schätze ich das Problem beim öffentlichen Sprechen ein. Hier sind wohl sehr viel mehr grundlegende Reformen nötig, um ein gleichberechtigtes Reden zu ermöglichen.


Literaturverzeichnis

Deborah Tannen: "Du kannst mich einfach nicht verstehen", Büchergilde Gutenberg, Ffm, Wien, 1990

Barbara Schlüter-Kiske: "Rhetorik für Frauen - Wir sprechen für uns", Ullsteinverlag, Ffm, Berlin, 1991

Senta Trömmel-Plötz: "Frauensprache: Sprache der Veränderung", Fischerverlag, Ffm, 1982

Ulrich Beck: "Die Risikogesellschaft", 1986


Übernommen (ohne Fussnoten) von http://www.uni-koblenz.de/~elmi/p/communication/sprache.html

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