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"Ich will die Machtausübung sichtbar und hörbar machen"


Buchrezension über Senta Trömel-Plötz:
Vatersprache - Mutterland: Beobachtungen zu Sprache und Politik.

von Luise F. Pusch

Senta Trömel-Plötz war die erste, die in Deutschland zum Thema "Frauensprache - Männersprache" einen Aufsatz in einer linguistischen Fachzeitschrift publizierte. Das war 1978, vor vierzehn Jahren. 1982 veröffentlichte sie das hierzulande erste Buch zum Thema und löste damit eine Revolution des Umgangs mit Sprache aus. 
Frauensprache - Sprache der Veränderung richtete sich an eine breite Öffentlichkeit und erreichte sein Ziel: Es hat unsere Sprache und unser Sprachbewusstsein verändert. 1984 gab Senta Gewalt durch Sprache heraus, eine Sammlung hochkarätiger Aufsätze zur feministischen Gesprächsanalyse. Beide Bücher haben Sprachgeschichte gemacht.

Als Belohnung für diese Pionierinnenleistungen bekam Trömel-Plötz, die bis 1984 eine Zeitprofessur an der Universität Konstanz hatte, praktisch Berufsverbot. Ihre (wie auch meine) Auffassung von Linguistik wurde als "fanatisch" und "nichtlinguistisch" diffamiert. Wir bekamen trotz zahlreicher Bewerbungen keine Stelle an einer deutschen Universität.

Acht Jahre nach jenen beiden Bestsellerinnen (Gesamtauflage 130.000 Exemplare) legt Trömel-Plötz ein neues Buch vor, ihre gesammelten Arbeiten aus den Jahren 1983-1991. Wieder führt sie ganz neue Themen in die bundesdeutsche politische Diskussion ein, nämlich u.a.:

  • Väter und Schule: Trömel-Plötz plädiert für die Ganztagsschule nach US-amerikanischem Vorbild und dafür, dass statt der Befolgung willkürlicher Regeln die Kinder in den Mittelpunkt der Institution gestellt werden.

  • Der Ausschluss von Frauen aus der Universität: Anhand erschütternder Fallbeispiele deckt Trömel-Plötz die Perversität der Männerbastion Deutsche Universität auf. Vor allem: Sie bleibt nicht höflich im Allgemeinen, sondern nennt die Namen der Opfer und der Schuldigen - das kostet Mut und Kraft.

  • Der politische und der juristische Diskurs/Machtapparat in seiner Auswirkung auf Frauen und Männer.

Wenn Sentas Kritik berücksichtigt und ihre Vorschläge befolgt würden, wäre unsere Welt eine ganz andere. Die Aufsätze sind da, die Debatte ist eröffnet - hoffen wir also, dass auch diese Arbeiten Geschichte machen.

Das Buch enthält außerdem Reden, die Senta bei den Römerberggesprächen 1984 ("Sprache und Macht"), im Hessischen Landtag 1985 und im Bundestag 1986 gehalten hat ("Sprache als politisches Instrument"), packende und historisch bedeutsame Reden, die in dieser Sammlung nicht fehlen durften, obwohl sie den LeserInnen der beiden ersten Bücher inhaltlich bekannt vorkommen werden und sich überschneiden. 
Kurz, es wäre nützlich, dem Buch (wie übrigens auch allen anderen Büchern) eine Leseanleitung beizugeben, wie es sich für die Handbücher von Computer-Programmen eingebürgert hat: "Wenn Sie das Thema (a) schon kennen, überschlagen Sie dies und jenes, wenn Sie das Thema (b) mit Ihrer Oberstufenklasse erstmals bearbeiten wollen, wählen Sie die Aufsätze x, y und z", usw.

Die längsten der vierzehn Aufsätze sind m.E. zugleich die wichtigsten: "Der Ausschluss von Frauen aus der Universität", "Väter und Schule", "Mileva Einstein-Maric", "Frauen vor Gericht", "Weibliche Kompetenz" und "Es ist nicht meine Haut", die inzwischen berühmt gewordene Analyse eines TV-Dialogs zwischen Alice Schwarzer und Rudolf Augstein.

Der erste und der letzte Aufsatz sind im Ton anders als die übrigen. Der erste, "Von Liebe kann keine Rede sein", ist eine furiose Polemik über/gegen Deutschland. "Deutschland klebt an mir wie widerlicher Kunsthonig", schreibt Senta. Zu viel der Aufmerksamkeit für dieses Land, finde ich. Für uns ist doch so ziemlich jedes Land unerträglich.

"As a woman I have no country. 
As a woman I want no country. 
As a woman my country is the whole world", 
sagt Virginia Woolf.

Den letzten Beitrag, "Der Tod der Frau im Mann", eine Totenklage auf all die von Männern ermordeten, vernichteten, verstümmelten Frauen, hält Senta für den wichtigsten. Ich stimme ihr da nicht zu, weil ich das rhetorische Mittel der Wiederholung nicht schätze, aber das ist eine Temperamentsfrage. Zum öffentlichen Klagen an sich meine ich, dass es zwar berechtigt und verständlich ist und alles, bloß bringt es uns in der Regel nicht weiter; meistens schadet es uns noch obendrein.

Ich halte den Aufsatz "Der Ausschluss von Frauen aus der deutschen Universität" für das eigentliche Ereignis in diesem Buch. Schon seinetwegen allein lohnt sich der Kauf.

Er enthält alle bewundernswerten Eigenschaften des Trömel-Plötzschen Denkens und Schreibens in nuce: Mut, Scharfsicht und Scharfsinn, Konsequenz, leidenschaftliches Engagement. Ursprünglich hatte Senta vor, zu diesem Problemkreis ein Buch zu machen, die Vorarbeiten waren weit gediehen, aber das Thema ging ihr zu nah. Gut, dass wir nun wenigstens erst mal diesen Aufsatz haben.

Das Buch ist in der taz verrissen worden; die Rezensentin warf Senta u.a. Verbitterung und Ungenauigkeit vor. Dieser Vorwurf gegen feministische Kritik ist so abgegriffen wie ungerecht, aber es war damit zu rechnen, denn wie gesagt: Oft gereicht uns die noch so berechtigte Klage nur zu weiterem Schaden.

Meine Kritik wäre, dass Senta Trömel-Plötz, die sich erstens nicht scheut, Klartext zu reden und zweitens immer wieder Frauen zur Verschwesterung aufruft, damit noch nicht weit genug geht. Die Wörter Sexismus und sexistisch kommen häufig vor; es fehlt das Wort Heterosexismus. 
Ein naheliegender Weg aus der Misere - politisch und privat - ist die unverdrossene Suche nach einer Partnerin. Denn kaum etwas verärgert, verunsichert und bedroht die Patriarchen mehr als wenn wir ihnen in aller Ruhe den Rücken kehren und uns in Liebe einer Frau zuwenden, mit der wir, statt zu klagen, jene von Senta so schön beschriebene "weibliche Kompetenz" erleben und feiern und solcherart gestärkt den politischen Widerstand wagen können.

Senta Trömel-Plötz:
Vatersprache - Mutterland: Beobachtungen zu Sprache und Politik. München 1991. Verlag Frauenoffensive

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