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Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren



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Welche Auswirkungen hat die Kritik der Frauenbewegung auf den Sexismus in der Sprache?


Bislang veränderte sich in der geschriebenen Sprache weit mehr als in der gesprochenen. Einige Verlage haben Richtlinien zur Vermeidung diskriminierender Formulierungen herausgegeben, und auf vielen wichtigen Gebieten bemühen sich Institutionen, Schriftsteller und Redakteure heute bewusst darum, Unausgewogenheiten zu beseitigen, unter anderem so bedeutende Körperschaften wie die Amerikanische Bibliotheksgesellschaft.

Fortschritte in der Rechtsprechung wie das Gesetz gegen geschlechtsbedingte Diskriminierung in Großbritannien (1975) und das EG-Anpassungsgesetz (1980) haben dazu geführt, dass Berufsbezeichnungen und ein großer Teil der in Stellenanzeigen verwendeten Sprache geändert wurden. Doch gibt es wirklich stichhaltige Anzeichen für einen gravierenden Wandel im Sprachgebrauch?

Eine 1984 in den Vereinigten Staaten ausgeführte Untersuchung befasste sich mit der Verwendung des englischen Wortes man (Mann/Mensch) und seiner Komposita so wie mit der Verwendung des maskulinen Pronomens he und seiner flektierten Formen für Personen beiderlei Geschlechts in einer Auswahl von Zeitschriften der Jahrgänge 1971 bis 1979.

Das zugrunde gelegte Korpus umfasste je 75 000 Wörter Fließtext aus amerikanischen Frauenblättern, wissenschaftlichen Zeitschriften und Tageszeitungen so wie Auszüge aus vorbereiteten und spontanen Redebeiträgen aus den Kongressprotokollen. Das gesamte Korpus hatte einen Umfang von über einer halben Million Wörtern.

Das Ergebnis war bezeichnend: In den amerikanischen Texten war die Gebrauchshäufigkeit dieser Formen von 12,3 pro 5000 Wörter im Jahre 1971 auf 4,3 pro 5000 Wörter im Jahre 1979 gesunken.

Am stärksten war der Rückgang in Frauenzeitschriften, danach folgten die wissenschaftlichen Publikationen.
Dagegen zeigte sich bei den Redebeiträgen männlicher Kongressmitglieder kein Rückgang. (Nach R. L. Cooper, 1984)

Was ist an die Stelle dieser Formen getreten?

Es gab keinen Hinweis darauf, dass sie schlicht durch he or she ersetzt worden wären. Wahrscheinlich ist eher, dass die Verfasser sich anderer Satzkonstruktionen bedienten, zum Beispiel des Plurals.
Die Frauenbewegung hatte in den siebziger Jahren also einen nachweislichen Einfluss auf die geschriebene Sprache – und zwar auf Publikationen für eine allgemeine Leserschaft, nicht nur für Frauen.

Dass Frauen durch Sprache diskriminiert werden, ist sicherlich stärker ins öffentliche Bewusstsein getreten.

Ob dieses Bewusstsein jedoch auch in der gesprochenen Alltagssprache erwartet werden darf, bleibt noch dahingestellt, bis weitere Studien vorgelegt werden.

Innerhalb eines Jahrzehnts haben sich viele gesellschaftliche Gegebenheiten gewandelt, doch sind zehn Jahre fast nichts im Vergleich mit den großen Zeiträumen, innerhalb deren sprachlicher Wandel vor sich geht. Es bleibt also abzuwarten, ob sich die angedeuteten Tendenzen fortsetzen werden.

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Quelle: David Crystal, Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache